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Wie die BILD berichtet hat, befindet sich der Hamburger Senat derzeit irgendwo im Orbit. Wir aber sind hier unten und fragen uns, warum die rechte Hand nicht mehr weiß, was die linke tut. Und warum man Kita-Gebühren drastisch erhöht, während man gleichzeitig "Chancengerechtigkeit" und "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" propagiert. Hamburg an Regierung: Versteht Ihr Euch noch? Und: Versteht Ihr uns noch? Der gesunde Menschenverstand kapituliert an dieser Stelle. |
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| Offener Brief an einige Hamburger Ärzte |
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| Geschrieben von: Martina J. |
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Sehr geehrte Damen und Herren, Sie sind verärgert über Kollegen, die sich gegen die Einführung der Primarschule ausgesprochen haben. Dabei behaupten Sie folgendes: „ Evidenz basierte, wissenschaftlich belegte Studien zeigen eindeutig, dass längeres gemeinsames Lernen zu den messbar besseren Ergebnissen für alle führt. Wenn wir in der Medizin Evidenz-basiertes Handeln fordern, sollten die Reformgegner dies auch für die Erziehungswissenschaften gelten lassen.“ Anscheinend sind Sie nicht richtig informiert. Denn genau DAS ist der Grund warum die Reformgegner sich gegen die Primarschule aussprechen. Denn das „längeres, gemeinsames Lernen zu messbar besseren Ergebnisse für alle führt“ ist eben gerade NICHT mit evidenz basierten, wissenschaftlich belegten Studien bewiesen! Sie unterstellen den Reformgegnern „elitäre Ziele“. Dabei fordern die Reformgegner nur genau das, was in der Medizin selbstverständlich ist: Dass eine Reform wie die Verlängerung der Grundschulzeit um zwei Jahre, die neben dem Risiko für die Schüler/innen (jedes Kind hat nur eine Schullaufbahn) alle Steuerzahler in Hamburg allein durch Um-, An- und Zubauten bis zu 1 Milliarde Euro kosten wird, VORHER wissenschaftlich evaluiert wird. Abgesehen davon, dass auch die Kosten VORHER geklärt werden müssten, was aber bis heute nicht passiert ist. Sie unterstellen den Reformgegnern außerdem, dass sie keine soziale Verantwortung haben. Ist es ein Zeichen von sozialer Verantwortung, an allen Hamburger Schulkindern (auch an Ihren) einen flächendeckenden Schulversuch durchzuführen, für den sich niemand freiwillig entschieden hat (wie es in der Medizin bei in-vivo-Tests vorgeschrieben ist) und von dem niemand weiß, ob er zu den erhofften Ergebnissen führt – aber zu behaupten, dieser Versuch sei wissenschaftlich evaluiert? Das der Hamburger Senat weiß, dass das nicht stimmt ist in einem Prospekt der Bildungsbehörde mit dem Titel „Sechsjährige Primarschule in Hamburg - Empirische Befunde und pädagogische Bewertung” aus dem Jahr 2009 nachzulesen. Denn dort sagt der Verfasser Professor Dr. Tillmann vom Max-Planck-Institut: „ Zu unserer Theorie der Förderlichkeit einer längeren gemeinsamen Schulzeit gehören die schon genannten Kriterien ihrer Bewährung. Das sind zumindest in der Phase der Primarschule die Verringerung der sozialen Selektivität und die Erhöhung der Integrationsquoten. Wie und ob das gelingt, ist empirisch zu klären.” Über Reformvorhaben dieser Art spöttelt denn auch der Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers , „dass ihre Erprobung paradoxerweise mit dem Ernstfall beginnt.“ (In: Wie man Schule entwickelt. Weinheim 2003). WWL, die Vereinigung der Hamburger Eltern gegen die Primarschule, haben in drei Wochen über 180.000 Unterschriften gegen die Reform gesammelt. Waren das alles (mit Ihren Worten) „Ärzte und Kaufleute, die unter sich bleiben wollen?“ WWL hat dem Senat ein Angebot gemacht, keinen Volksentscheid zu beantragen, wenn man an 50 Schulen die Primarschule auf freiwilliger Basis gestartet und dabei wissenschaftlich begleitet geprüft hätte, ob das „längere gemeinsame Lernen“ wirklich besser Lernerfolge für alle bringt. Das wäre eine evidenz-basierte, freiwillige (!) Studie mit Kontrollgruppe (wie die Placebos in der Medizin) gewissen, von der Sie nur annehmen, dass es sie gibt. Der Senat aber hat diesen Vorschlag abgelehnt.
Es gibt nur eine Studie, die Berliner Element-Studie, aus der man allenfalls entnehmen könnte, dass „die Verlängerung der Grundschule wahrscheinlich (!) nicht so viel schaden wird wie von den Gegnern befürchtet, wahrscheinlich aber auch nicht so viel bringt wie die Befürworter erhoffen.“ (Zitat Dr. Tillmann) Angesichts der Tatsache, dass man im Bildungsbericht Berlin/Brandenburg 2008, den einzigen Bundesländern 1)* mit 6jähriger Grundschule, folgendes entnehmen kann, scheint die Hoffnung darauf aber eher gering: „Ein niedriger Sozialgradient gilt als ein Indikator für Chancengerechtigkeit in einem Bildungssystem. Er wird z. B. quantifiziert durch die Stärke des Zusammenhangs zwischen sozialer Herkunft und Kompetenzstand der Schülerinnen und Schüler. Der Sozialgradient war 2006 in Berlin der zweithöchste aller Länder.” Der Senat weiß das natürlich, behauptet aber, dass in Hamburg ja alles anders werden würde, weil dort der Unterricht der Primarschulen nach dem Vorbild der Reformschulen individualisiert wird. Für den dort bevorzugten „offenen“ Unterricht gilt aber das gleiche: Er ist bisher nicht mit evidenz-basierten Studien wissenschaftlich bewiesen. Der Lüneburger Bildungsforscher Dr. Martin Wellenreuther sagt dazu in einem Aufsatz „Individualisiertes Lernen – aber wie?“ 2)* „Ich konnte nicht glauben, dass die „Theorie des offenen Unterrichts“, die seit den siebziger Jahren die schulpädagogische Diskussion maßgeblich bestimmt, empirisch nicht längst auf Herz und Nieren überprüft wurde. Warum wurden die für mehrere Jahrzehnte als wissenschaftliche Grundlagenliteratur in vielen Lehrerseminaren verwendeten Werke von Hilbert Meyer und Herbert Gudjons von Schulpädagogen und Lehrern nicht nach ihrer empirischen Fundiertheit befragt? Um auszuschließen, dass ich ein Opfer der eigenen Betriebsblindheit geworden bin, machte ich meinen Studenten in der Vorlesung „Didaktik und Methodik“ ein Angebot: Jeder Student erhält 5 Euro, wenn er mir eine strenge Überprüfung der Lernwirksamkeit offenen Unterricht vorlegt. Das Angebot wurde mittlerweile auf 10 Euro erhöht. Immer noch warte ich auf den ersten ernstzunehmenden empirischen Beleg der Wirksamkeit offenen Unterrichts. Stattdessen mehren sich die theoretischen und empirischen Belege, die zeigen, dass insbesondere bei der Aneignung neuer Inhalte direkte Instruktion unentbehrlich ist“ (vgl. Wellenreuther 2009 a). Dr. Wellenreuther schlägt für den besseren Umgang mit Heterogenität zum Beispiel vor, die Effizienz der direkten Instruktion zum Beispiel durch besseres Klassenmanagement zu verbessern und mit wissenschaftlich bewiesenen Methoden individualisiert zu unterrichten, die es durchaus gibt, z. B. das Lesen lernen mit in drei Kompetenzstufen eingeteilten Büchern wie in Neuseeland oder besser strukturierten Schulbüchern wie in Japan oder dem Einsatz der wissenschaftlich getesteten Gruppenrallye statt der in Reformschulen beliebten Gruppenpuzzles. Schaut man sich die Darstellung des zukünftigen individualisierten Unterrichts mal näher an, ist davon aber nicht die Rede. Und die Tatsache, dass es in den Reformschulen auch gute Ergebnisse gibt, heißt noch lange nicht, dass das auch so sein wird, wenn man ihre Unterrichtsprinzipien ungeprüft flächendeckend einsetzt. Sollten Sie im Gegensatz zu uns UND den Befürwortern der Reform bei Ihren Recherchen auf evidenz-basierten Studien und nicht nur auf völlig unwissenschaftliche Folgerungen aus den PISA-Studien gestoßen sein, wären wir für deren Übersendung sehr dankbar. Mit freundlichen Grüßen Die Eltern von hamburg-schulreform.de |

